Clubmodell „Norwegisches Seenotrettungsboot“

RS Lifeboat RS 159 „Elias“

Ein Schiffsmodellbau-Club, der eine Werkstatt hat und mit allem ausgestattet ist, was ein normaler Modellbauer so benötigt, braucht nur noch eins:

Ein Clubmodell.

Auch wir hatten schon oft darüber diskutiert, einen gemeinsamen Bootstyp in verschiedenen Varianten zu bauen, so dass jedes interessierte Clubmitglied sein eigenes Boot schafft, das es dann auch nur einmal geben sollte. Die Basis vorbereiten sollte gemeinsam erarbeitet und gestaltet werden, die Feinarbeiten und die Ausstattung seines Unikats sollte jeder selbst vornehmen. Aber ein heißer Favorit zeichnete sich längere Zeit nicht am Horizont ab.

Der Club

… ist der Schiffsmodellbauclub Peine, der dieses Jahr sein 40jähriges Jubiläum feiert. Unser Clubhaus fügt sich harmonisch in die urwüchsigen Brombeer- und Holunderhecken, die das lange, gerade Ufer unseres Vereinsgewässers üppig begrünen. Nicht sehr breit, unser Modellboot-Teich, aber einer der längsten, die ich je gesehen habe: 325 Km !

Der Mittellandkanal.  

Von seinem Wesen her ist er unter den „Modellbauteichen“ eher im Bereich der Rauhwasser zu suchen. Einerseits, weil er ebenso wie das Wasser, gerne mal auch den Wind kanalisiert und so für eine stetige steife Brise sorgt, die schon mal einen mächtigen Seegang erzeugen kann. Andererseits, weil die Maßstab 1:1-Benutzer des Kanals (besonders die gewerblichen), ihrerseits gerne mal einen ordentlichen Wellengang produzieren.

„Wir fahren raus, wenn andere reinkommen“

– die Wetterlage, auf die dieser Seenotretter-Spruch abzielt, trifft auf unseren Kanal – im maßstäblichen Sinne – recht häufig zu. So wird es nicht verwundern, wenn sich nach und nach in unseren Reihen eine deutliche Tendenz zum Mo-dellmaßstab 1:15 entwickelt und hier insbeson-dere die Liebe zu – zunächst einmal den deutschen – Seenotrettungseinheiten der DGzRS etabliert hat, die ja bekanntlich gerade für rauhe Bedingungen geschaffen sind.

Eines schönen (Sams-)Tages erscheint nun ein lieber Vereinskollege mit der Nachricht, er habe das ideale Clubmodell für uns gefunden:

Seine Notebook-Fotosammlung zeigt uns ein ansprechendes, rassiges Bötchen: Schneller Rumpf, jet-getrieben, interessanter Aufbau, harmonisches Erscheinungsbild, auf unseren Modellteichen noch nicht so häufig zu sehen. Im Maßstab 1:15 wäre es ca. 1m lang, daher in jedem Pkw transportierbar und dennoch so groß, dass es dem permanenten Mittellandkanal-Seegang gut trotzen können müsste.

Es ist das 14m-Boot der RS „Redningsselskapet“, der norwegischen Seenotrettungs-gesellschaft, die für Einsätze rund um ihre zerklüftete Küste neben ihren schweren, auch gern schnelle, wendige, aber dennoch hochseetaugliche Einheiten einsetzt.

Die jetgetriebenen 14-m-Boote, die als sehr elegante und schneidige Schnellboote konzipiert sind und die auch die eine oder andere interessante Funktion aufweisen, bieten eine wirklich ideale Vorlage für den vorbildgetreuen Nachbau, zumal es fünf verschiedene Boote dieser Baureihe gibt, die sich in diversen Einzelheiten voneinander unterscheiden. Man könnte also fünf Boote bauen und jedes wäre ein Unikat mit einem real existenten Vorbild. Das hatte uns vorgeschwebt.

Ein Blick in die Runde zeigt große, staunende Augen und breite Zustimmung. Also hält neben der DGzRS nun die RS (Redningsselskapet) aus Norwegen bei uns Einzug. Willkommen beim SMC Peine.

Unser neues Clubmodell

Die Redningsselskapet ist eine sehr offene Seenotrettungsgesellschaft und nach skandinavischer Mentalität in einem Maße „öffentlichkeitsfreundlich“, was für uns als Deutsche sehr ungewohnt ist. Dort gibt man gerne, freundlich und reichlich Auskunft. Tritt man mit der RS in Kontakt, vermitteln die Seeleute dort den Eindruck, allein das Interesse an ihrer Arbeit lasse einen schon irgendwie dazugehören. Man trifft sie in einer Facebook-Gruppe, der jeder beitreten und an ihren umfangreichen öffentlichen Auftritten teilhaben kann.

Sind hier im Umfeld unserer (Rettungs-) Gesellschaften viele Dinge vertraulich und werden eisern unter Verschluss gehalten, findet man schon auf der Homepage der Redningsselskapet neben zahlreichen Bildberichten zu ihrer Öffentlichkeitsarbeit detaillierte Informationen über die eingesetzten Schiffstypen, sogar bis hin zu Werftskizzen und Bauplänen. So habe ich auf meine Bitte, das tolle Foto von „ELIAS“ im Einsatz als Titelbild dieses Beitragens veröffentlichen zu dürfen, umgehend die Genehmigung der RS erhalten.

Was macht nun den 14-m-Typ der Redningsselskapet für uns so interessant?

Wenn sie auch nicht in einer eigenen Bootsklasse kategorisiert sind, so bilden die 14-m-Boote doch eine kleine Reihe von etwa fünf Rettungseinheiten, denen konstruktiv dieselbe Basis zu Grunde zu liegen scheint und die zumindest äußerlich strukturell baugleich sind. Bezeichnet mit „RS151“ bis „RS159“, hören sie auf klangvolle Namen wie „ELIAS“, „DET NORSKE VERITAS“ oder „BILL“. Eine Vielzahl individueller Merkmale kennzeichnet die Mitglieder dieser kleinen Flotte aber doch. Hier ein anderer Suchscheinwerfer-Typ, dort eine andere Lackierungsvariante am Mast oder am Aufbau, oder auch andere Aufbauten auf dem Peildeck. Kurz und gut: Sie eignen sich hervorragend für einen gemeinsamen Bau mehrerer Boote, der dann trotzdem eine abwechslungsreiche Flotte von Unikaten hervorbringt. Nichts erscheint mir langweiliger, als wenn beispielsweise fünf „Bermpohls“ neben zwei „Berlins“ und drei „Ranzows“ auf demselben Teich herumschippern.

Spontan begeistert geht es also an die Planung. Da es in einem Modellbauclub meist eine Fülle unterschiedlichster Begabungen und Möglichkeiten gibt, findet sich schnell für jede Arbeit ein geeigneter Mann.

Der Plan

Relativ schnell können unsere CAD-Leute aus den reichhaltigen Plänen und Skizzen auf der Homepage der Redningsselskapet ein Abbild des Rumpfs der 14m-Boote erstellen. Der erste Schritt zum Clubmodell ist getan. Unsere vereinseigene CNC-Fräse soll ein Spantengerippe nach den detaillierten Informationen der Redningsselskapet produzieren, wozu natürlich intensive Vorarbeit unserer CAD- und CNC-Spezialisten erforderlich ist. Hier machen sich Mirko und Ingo an die Arbeit und erstellen das Kiel- und Spantengerüst, das dann aus 2mm-Polystyrol-Platten gefräst und in Teamarbeit zu einem Urmodell-Rohling zusammengeklebt wird.

Urmodell

An den gemeinsamen Bastel-Samstagen entsteht dann der Rohbau für das Rumpf-Urmodell – klassisch als Spantengerippe über Kopf auf Helling montiert. Schon jetzt zeichnet sich die spannende Lienienführung des Knickspanters ab. Wir sind sicher: Das würde ein tolles Boot werden.

Nachdem der fertig beplankte Rumpf gespachtelt und geschliffen ist und wir das Urmodell frisch lackiert und glänzend vor uns liegen haben, sind wir sehr gespannt darauf, wie sich unser „Nordmann“ entwickeln wird.

Ingo hat sich schon frühzeitig in die Geheimnisse der „Laminiererei“ vertieft und kann uns gut an die Hand nehmen, als wir endlich zur Tat schreiten wollen. Die Negativ-Form soll nun endlich entstehen. Mirko, Ingo und ich betreten dabei alle drei Neuland und verwandeln Mirkos Hobbywerkstatt an einem Wochenende kurzfristig in eine GFK-Küche. Wir haben einen Riesenspaß! Der Spaß vergeht uns schlagartig, als wir einige Tage später gemeinsam das Urmodell von der Form trennen wollen. An einer Stelle hat sich das Harz der Form mit dem des Urmodells verbunden.

Das Urmodell wird beim Ausformen völlig zerstört. Glücklicherweise können wir mit viel Fingerspitzengefühl und abwechselnder Brachialgewalt das Urmodell in tausend Teilen entfernen – und die Form retten. Ingo kann sie reparieren und aufpolieren.

Nun ist wieder Hexenküchen-Zeit, als wir den ersten Rumpfabzug in die Form pinseln. Wir haben eine Menge Anleitungen und Hilfen, aber wieviel Lagen von welchem Gewebe machen einen superleichten Rumpf genau so dick und fest, wie er sein muss? Die praktischen Erfahrungen muss man selber machen. Da kann einem niemand groß bei helfen.

So will auch der erste Rumpfabzug nicht so recht gelingen und ein weiterer Versuch wird nötig, um einen brauchbaren Rumpf zu ernten.

Das ist dann aber auch ein unglaublicher Augenblick. Eine wunderschöne, superleichte Rumpfschale, die sich sehen lassen kann! Mit einer feinen, gleichmäßigen Gewebestruktur auf der Innenseite und einer schönen glatten Außenhaut. Der Aufwand und das hochwertige Material haben sich gelohnt.

„Gap“

„Gap!“

Aufbau und Jets

Zwischenzeitlich hat Ingo sich schon intensiv mit dem Deck, den Aufbauten und dem spannendsten Teil des Projekts beschäftigt: Dem Antrieb. Aber dazu später mehr. Das Deckshaus folgt der modernen Linienführung, die sich allgemein für schnelle Behördenschiffe, wie beispielsweise Lotsenboote  und Seenotretter durchgesetzt hat: Große umlaufende Fensterfronten, die einen guten Überblick gewährleisten, flacher Vorbau mit Zugang zu den vorderen, unter Deck befindlichen Räumlichkeiten. Zugang zum Deckshaus über das rückwärtige, geschützte Schott.

Markantes Vordeck durch Sicherungsschienen und einen ziemlich deftigen Bugscheinwerferkasten mit drei kräftigen Bugstrahlern.

Auf dem ansprechend strukturierten Peildeck finden sich neben den nautischen Einrichtungen zwei weitere große Suchscheinwerfer, sowie die im Geräteträger eingepasste aufwändige Blaulicht-Blitzanlage.

Der Aufbau liegt als Prototyp bereits vor. Gefräst aus Polystyrolplatten, verklebt und bereits probeweise lackiert, wird er zwischenzeitlich am Club-Samstag vorgestellt. Eindrucksvoll thront er auf dem Urmodell und lässt schon ein bisschen etwas von der Eleganz der 14m-Boote erkennen. Allmählich müssen auch die Skeptiker zugeben: Es wird.

Verdrängungstest

Nun müssen wir zunächst einmal wissen, ob unsere Rumpfschale das gesamte Boot überhaupt tragen wird. Theoretisch per Verdrängungsberechnungen ist ja alles gut, aber wieß das der Rumpf auch?

Also: Alle Teile, die das Boot benötigt – ersatzweise abgewogene Gewichte – ins Boot, Aufbau draufgestellt und begutachtet. Der Rumpf liegt noch weit oberhalb der CWL (Construction Waterline). Alle Berechnungen stimmen!

Technik

Ein wesentlicher Punkt bei diesem Projekt ist die Technik.

Zwei Waterjets, angetrieben von hochdrehenden, aber leichten Motoren, versorgt von leistungsstarken, aber ebenfalls leichten Akkus sollen einerseits für den nötigen Vortrieb sorgen, dürfen aber andererseits nicht allzuviel von unserer errechneten Zulandungsreserve verbrauchen. Es sollen ja zumindest später noch ein Soundmodul und ein kräftiger Lautsprecher an Bord sein, um dem eleganten Bötchen auch den nötigen akkustischen Background zu verschaffen.

Die Jets

Im Handel vorhandene Minijets stellen sich als nicht kräftig genug heraus oder sie sind einfach zu groß. Dazu kommt, dass sich der Hersteller der einzig größenmäßig passenden Jets besonders mit der Umkehrklappe nicht allzuviel Mühe gemacht hat. Hier muss etwas eigenes her. Ingo setzt sich also hin und konstruiert.

Heraus kommt ein sehr schöner Jet nach dem von der RS verwendeten Vorbild mit einer ebenfalls vorbildgerechten Umkehrklappe. Nach einigen Versuchen bringt der Jet auch vorzeigbare Ergebnisse. Es wird weiter und weiter daran herumgetüftelt und die beweglichen Teile optimiert, bis Ingo eines schönen Samstags im Club die Endversion vorstellen kann. Das Boot schießt über das Wasser und liegt wie ein Brett. Phantastisch!

Besondere Mühe verwenden wir von vorn herein darauf, die Technik so im Rumpf zu verbauen, dass sich mehrere abgeriegelte Abteilungen bilden würden und dass sich Technikplatzierung und Rumpfverstärkung gewinnbringend ergänzen würden.

Schon beim ersten Testrumpf zeigt sich, wie leicht sich das Einlaminieren der Spanten und Halterungen im noch nassen, frisch laminierten Rumpf gestaltet. Die Spanten und Halterungen für Akkus und Servos entstehen aus Polystyrol-Frästeilen, aus dem Plan heraus gezeichnet und weisen von vorn herein alle notwendigen Bohrungen und Aussparungen für den Technikeinbau auf. Das hat sich bewährt. Leichter habe ich noch nie einen Technikeinbau vornehmen können. Das Ergebnis ist ein super sauberer Aufbau des Innenlebens und das erfreuliche Fehlen der üblichen immer brauner werdenden Stabilit-Spuren im Schiffsbauch. Wir sind mal wieder begeistert.

Jetzt kam der Zeitpunkt, wo Ingo ins Eingemachte gehen wollte. Neben den vielen, fein detaillierten Kleinteilen, die wir größtenteils als 3D-Drucke erstellt haben, waren da noch

einige raffiniert ausgetüftelte, elektrische und mechanische Highlights, wie bestimmte Warnblitzer, blaue Wegleuchten an den Deckshauswänden, Bugscheinwerfer mit Fokussierung und weitere Steuerelemente, von denen wir noch in einem gesonderten Bericht erzählen werden.

„Gap“

Scheuerleiste

Hier blieb eigentlich nur noch ein Problem ungelöst, über deren Herstellung wir uns im hinter uns liegenden Jahr immer wieder die Köpfe heiß geredet haben:

Die umlaufende Scheuerleiste, die bei diesen Bootstypen der RS nicht einfach nur eine Scheuerleiste darstellt, sondern allein aufgrund ihrer Größe und Form entscheidend am Gesamtbild des Bootes beteiligt ist. Das gesamte Boot wird von einem mächtigen, leuchtend roten, trapezförmigen Kissen umlaufen, das am Bug zu einer dicken roten Nase geformt ist. Über viele Fehlversuche hinweg hat Ingo nun einen ersten Durchbruch mit einer Negativform erzielt, in die er eine relativ dünne eingefärbte Silikonschicht einbringt und das Ganze am Ende mit Montageschaum ausschäumt und beschneidet. Das Silikon macht die Scheuerleiste leicht, flexibel und die Schaumfüllung ist in der Lage, ziemliche Stöße unbeschadet aufzunehmen. Das Gesamtbild des Bootes, das sich durch die umlaufende Leiste völlig verändert hat, kommt dem Original nun schon sehr nahe.

Wir freuen uns schon darauf, wenn der Sommer uns vielleicht eine vorsichtige Rückkehr zur normalen Vereinstätigkeit ermöglicht, so dass wir dann mit diesen Erfahrungen die übrigen Rümpfe bauen können und dann gemeinsam, aber jeder für sein eigenes Boot die RS-Flotte von Peine vervollständigen können. In Kürze werden wir über die versprochenen technischen Details berichten.